MUSIC EXPLAINED
DIE KÜCHE. EINE PLATTE AUFLEGEN. ETWAS AUF DEM HERD.
IMAGE CREDIT: SJELF. — originale KI-Illustration für THE COLLECTIONS.
Auf dem Herd steht etwas, das noch nicht fertig ist. Das Schneidebrett ist voll, jemand probiert die Sauce und aus dem Nebenzimmer dringt eine Basslinie. Gleich setzen sich alle an den Tisch. Jetzt ist noch dieser angenehme Zwischenmoment, in dem ein Abend seine Form annimmt. Eine Platte kann da genau an ihren Platz fallen.
Warum passen Kochen und Vinyl so gut zusammen? Vielleicht, weil beide dazu einladen, etwas auszuwählen und dem Ganzen dann Zeit zu geben. Ein Geschmack entwickelt sich. Ein Song kommt in Gang. Wer alles sofort zum nächsten Moment drängt, verpasst, was auf dem Weg passiert. In THE KITCHEN sammeln wir Platten für diesen ganzen Abend: vom ersten Topf bis zum letzten Gespräch.
ZUERST EINE PLATTE AUSWÄHLEN.
Beim Kochen triffst du Entscheidungen, bevor du beginnst. Was steht auf der Speisekarte, wie viele Leute kommen und was lässt sich schon einmal vorbereiten? Eine Langspielplatte auszuwählen ist eine kleine Version davon. Du nimmst ein Album und gibst einigen Songs gemeinsam den Raum. Es muss nicht nach jedem Refrain eine neue Entscheidung folgen.
Das ist das Schöne an einer Plattenseite. Es gibt eine Abfolge: einen Anfang, eine Tempoverschiebung, vielleicht ein Lied, das erst nach mehrmaligem Hören auffällt. Du musst nicht ständig vor den Lautsprechern sitzen, um diese Bewegung mitzubekommen. Manchmal hört man gerade bei einer gewöhnlichen Tätigkeit etwas, das einem früher entgangen ist.
Auf In Between Dreams von Jack Johnson scheinen die akustischen Gitarren keine Eile zu haben. Bei Bill Withers verleiht die wiederkehrende Bewegung von Use Me der Küche hingegen Schwung. Es sind verschiedene Arten, einen Raum zu füllen. Die Wahl hängt vom Abend ab, den du gestalten möchtest.
GROOVE IST GEMEINSAMES BEWEGEN.
Groove entsteht in der Art, wie Rhythmus, Akzente und Timing zusammenkommen. Bass und Schlagzeug können dasselbe Muster wiederholen und es trotzdem jeden Takt lebendig wirken lassen. Die Gitarre muss nicht ständig darüber spielen. Ein kurzer Satz, eine Stille oder ein verschobener Akzent können ausreichen.
Bei Khruangbin hört man dieses Zusammenspiel deutlich. Das texanische Trio besteht aus Bassistin Laura Lee, Gitarrist Mark Speer und Schlagzeuger Donald ‘DJ’ Johnson. Auf Con Todo El Mundo, erschienen 2018, bewegen sich ihre Parts umeinander herum. Der Bass trägt eine eigene Melodie, das Schlagzeug hält den Fluss fest und die Gitarre zeichnet Linien darüber.
Leg Maria También auf und folge beim ersten Mal nur dem Bass. Höre beim nächsten Mal auf die Gitarre. Der Song ändert sich nicht, aber deine Aufmerksamkeit schon. Das macht solche Platten dazu geeignet, sie oft wieder aufzulegen: Du lernst die Details kennen, während das Ganze vertraut wird.
NOCH EINEN STUHL DAZUSTELLEN.
Wenn die ersten Gäste eintreffen, verändert sich der Klang im Haus. Es gibt mehr Stimmen und mehr Bewegung. Ein Album mit einem deutlichen Puls kann den Moment zusammenhalten. Die Basslinien von Graceland von Paul Simon oder die Bläser in Sir Duke von Stevie Wonder verleihen dem auf ihre eigene Weise Form.
Auch auf dem gleichnamigen Album des Buena Vista Social Club dreht sich viel um das Zusammenspiel. Die Aufnahmen fanden 1996 in Havanna statt; das Album erschien 1997. Man hört Musiker, die sich gegenseitig ergänzen mit Stimmen, Gitarren, Klavier und Perkussion. Die verschiedenen Charaktere bleiben innerhalb eines gemeinsamen Klangbildes erkennbar.
Das passt gut an einen Tisch, an den Menschen ihre eigenen Geschichten mitbringen. Niemand muss dasselbe erzählen, um trotzdem einen schönen Abend zu haben. Wer mehr über dieses Treffen im Studio wissen möchte, kann in unserer Album-Story über den Buena Vista Social Club weiterlesen.
DER RAUM ZWISCHEN ZWEI STIMMEN.
Ein Gespräch wird oft angenehm, wenn Leute sich ausreden lassen. In der Musik ist das Aufeinanderhören mindestens genauso hörbar. Auf Ella and Louis von 1956 müssen Ella Fitzgerald und Louis Armstrong keine ähnlichen Stimmen haben, um eine Einheit zu bilden. Ihre klaren Linien und sein körniger Gesang behalten beide ihren Charakter.
Bei Getz/Gilberto von 1964 liegt das Treffen in anderen Klängen. Das Tenorsaxophon von Stan Getz steht neben der Gitarre und dem Gesang von João Gilberto. Auch Astrud Gilberto ist auf dem Album zu hören. Der sanfte Vortrag lässt kleine rhythmische Akzente hervortreten. Die Platte muss dafür nicht einmal laut sein.
Das ist am Tisch ein nützlicher Ausgangspunkt: Lass Stimmen im Raum verständlich bleiben. Manche Abende dürfen in lautes Mitsingen ausarten, andere verlangen nach Raum für eine Geschichte. Tapestry von Carole King und Diamond Life von Sade bieten beide Melodien, die nahbar bleiben, auch bei moderater Lautstärke.
EIN BEKANNTER GESCHMACK, ANDERS GESPIELT.
Ein Rezept kann den Koch wechseln und trotzdem erkennbar bleiben. Mit Songs passiert Ähnliches. Eine andere Stimme, ein anderer Rhythmus oder eine andere Besetzung verlagert den Akzent. Hör dir auf Herb Alpert Presents Sergio Mendes & Brasil ’66 einmal Day Tripper an. Eine bekannte Melodie bekommt dort eine andere Bewegung.
Sérgio Mendes verband sein Klavier und brasilianische Rhythmen mit dem Chorgesang von Brasil ’66. Das Album von 1966 bietet eine Abwechslung von Liedern und Klangfarben, ohne dass es seinen eigenen Charakter verliert. Das macht es zu einer schönen Platte für den Moment, in dem noch alles gleichzeitig passiert.
Näher an der Heimat finden Solomon Burke und De Dijk auf Hold On Tight aus dem Jahr 2010 zusammen. Das Zusammentreffen erhält einen breiten Soul-Klang, in dem Burkes Stimme allen Raum einnimmt. In unserer Album-Story erfährst du mehr über dieses gemeinsame Werk.
WENN DAS ESSEN VORBEI IST.
Der letzte Teil des Abends darf eine andere Richtung einschlagen. Bei Moon Safari von AIR rücken sanfte Tasteninstrumente und runde Basslinien in den Vordergrund. Norah Jones lässt auf Come Away With Me viel Raum um ihre Stimme. Beide Alben passen zu dem Moment, in dem die Teller abgeräumt sind und niemand sofort aufsteht.
Ein warmer Klang kann auch eine dringliche Geschichte tragen. What’s Going On von Marvin Gaye stellt Fragen zu Krieg, Armut und unserem Umgang mit der Welt. Auf Curtis von Curtis Mayfield liegen Schönheit und gesellschaftliche Unruhe nah beieinander. Diese Musik verdient es, auch mit Aufmerksamkeit für die Worte gehört zu werden.
Deshalb steht Pastel Blues von Nina Simone am Ende unserer Route. Mit unter anderem Strange Fruit und Sinnerman ist es ein intensives Album, das das Gespräch verstummen lassen kann. Manchmal ist die beste Fortsetzung eines Abends am Tisch, einfach gemeinsam einem Song zuzuhören.
ZWANZIG PLATTEN FÜR THE KITCHEN.
Diese zwanzig Alben wurden von SJELF ausgewählt. Vier Momente geben der Auswahl Richtung; du kannst an jeder Stelle einsteigen. Auf der Sammlungsseite findest du zu jedem Album eine kurze Erläuterung, einen Link zum Reinhören und die zugehörigen Künstler. Die Jahreszahlen beziehen sich jeweils auf die ursprünglichen Alben.
HINTER DEM HERD.
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In Between Dreams (2005)
Jack Johnson -
Still Bill (1972)
Bill Withers -
Con Todo El Mundo (2018)
Khruangbin -
Herb Alpert Presents Sergio Mendes & Brasil ’66 (1966)
Sérgio Mendes -
Home Again (2012)
Michael Kiwanuka
DIE ERSTEN GÄSTE.
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Buena Vista Social Club (1997)
Buena Vista Social Club -
Graceland (1986)
Paul Simon -
Let’s Stay Together (1972)
Al Green -
Fleetwood Mac (1975)
Fleetwood Mac -
Songs in the Key of Life (1976)
Stevie Wonder
AM TISCH.
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Tapestry (1971)
Carole King -
Diamond Life (1984)
Sade -
Getz/Gilberto (1964)
Stan Getz & João Gilberto -
Ella and Louis (1956)
Ella Fitzgerald & Louis Armstrong -
Hold On Tight (2010)
Solomon Burke & De Dijk
NOCH EIN WENIG BLEIBEN.
-
Come Away With Me (2002)
Norah Jones -
Moon Safari (1998)
AIR -
What’s Going On (1971)
Marvin Gaye -
Curtis (1970)
Curtis Mayfield -
Pastel Blues (1965)
Nina Simone
ONE THING TO LISTEN FOR.
Achte beim nächsten Auflegen darauf, was passiert, wenn der Gesang kurz innehält. Übernimmt der Bass die Melodie? Antwortet eine Gitarre? Bleibt nur der Rhythmus stehen? Gerade diese kleinen Übergänge machen hörbar, wie eine Band gemeinsam einen Song trägt.
Ein schöner Abend muss nicht kompliziert sein. Etwas auf dem Herd, Menschen um dich herum und eine Platte, die du gerne wieder umdrehst. Der Abwasch kann warten. Erst diese Seite zu Ende hören.